„Damit dem Zögling die Möglichkeit genommen wird, in die dumpfe Welt seiner Triebe abzuirren.“

Zur Geschichte der Anstaltsversorgung von „Schwachsinnigen“ in der deutschsprachigen Schweiz (1925–1945)


ISBN-Nr.:
978-3-03796-614-3
Produkttyp:
Elektronisches Buch
Kategorie:
Master-Thesen (MSc)
Seitenzahl:
179
Erscheinungsjahr:
2017
Publikationsdatum:
01.05.2017
Verlag
Edition Soziothek
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Thema der Master-Thesis ist die Anstaltsversorgung von sogenannten Schwachsinnigen in der deutschsprachigen Schweiz im Zeitraum von 1925 bis 1945. Auf Basis eines sozialkonstruktivistischen Modells von Behinderung wurden primär Fachzeitschriften mittels eines diskurs- und dispositivanalytischen Verfahrens untersucht.

Auf der Ebene der Fachdiskurse wurden die Schwachsinnigen als eine Kontrastgruppe zum vernunftbegabten, bürgerlich-modernen Subjekt problematisiert: Die Schwachsinnigen seien infolge einer defizitären Verstandestätigkeit lebenslang unfähig zur eigenverantwortlichen, „vernünftigen“ Einordnung in die moderne Gesellschaft. Einerseits sei mit dem Schwachsinn ein konstitutionelles Schutzbedürfnis verbunden. Andererseits müsse die Gesellschaft vor den Schwachsinnigen geschützt werden, da sie lebenslang ihren Trieben und Affekten verhaftet bleiben würden und zudem die Gefahr einer „Degeneration des Volkskörpers“ durch die Fortpflanzung der erbkranken Schwachsinnigen bestehe.

Um das mit dem Schwachsinn verbundene Gefährdungspotential zu kontrollieren, wurden umfassende und segregierende Versorgungsstrukturen im Rahmen des Sozialstaates gefordert. Diese sollten insbesondere dazu dienen, „Kräftereste“ nutzbar zu machen und damit unter den Schwachsinnigen ein Höchstmass an sozialer Brauchbarkeit zu erreichen. Im Bereich von Pädagogik und Fürsorge dominierten paternalistische Paradigmen, welche umfassende Eingriffe in die Selbstbestimmung legitimierten. Mit den Anstalten wurden materielle Sonderterritorien gebildet, im Rahmen derer die Adressatinnen und Adressaten von ihrem Herkunftsmilieu isoliert werden sollten. Dadurch sollte einerseits ein verdichteter pädagogischer Zugriff auf die Zöglinge ermöglicht werden. Andererseits sollte dem angeblich ungeordneten, triebverhafteten Wesen der Zöglinge eine durch rigide Tagesstrukturen sowie einheitliche Verhaltenserwartungen haltgebende und dadurch entwicklungsförderliche Lebenswelt entgegengestellt werden.
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