Die Bedeutung des sozialen Geschlechts für die weibliche Identitätsentwicklung in der Adoleszenz

ISBN-Nr.:
978-3-03796-409-5
Produkttyp:
Elektronisches Buch
Kategorie:
Diplomarbeiten (FH)
Seitenzahl:
95
Erscheinungsjahr:
2005
Schlagworte
Gender
Verlag
Edition Soziothek
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Die vorliegende Diplomarbeit strebt als Grundlagenarbeit die Gewinnung theoretischer Erkenntnisse in Bezug auf die Bedeutung der sozialen Kategorie Geschlecht für die weibliche Identitätsentwicklung in der Adoleszenz an und beinhaltet folgende Themenschwerpunkte: Auf eine kurze Darstellung der Lebensphase der Adoleszenz folgt eine Auseinandersetzung mit den theoretischen Ansätzen zur Identitätsentwicklung von Erikson, Krappmann und Hurrelmann. Anschliessend werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beschrieben, unter denen Mädchen Identität entwickeln: die Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen unserer Gesellschaft und die Bedeutung des Geschlechts als soziale Strukturkategorie. Dazu werden die bestehenden Geschlechterverhältnisse im Erwerbs- und Reproduktionsarbeitsbereich und im Bildungsbereich dargestellt und anschliessend traditionelle und moderne Mädchenbilder beschrieben. Im Anschluss daran wird die Bedeutung dieser gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Identitätsbildung adoleszenter Mädchen – ausgehend vom interaktionistischen Verständnis der Identitätsbildung nach Krappmann – untersucht.

Durch die Verarbeitung von Fachliteratur sowie statistischer Daten bezüglich der Geschlechterverhältnisse in der Schweiz konnten folgende Erkenntnisse geschlossen werden: In der Adoleszenz, der Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, stellt die Identitätsbildung eine wichtige Entwicklungsaufgabe dar. Laut interaktionistischem Verständnis bildet das Individuum in sozialen Interaktionen ICH-Identität aus, indem es eine Balance zwischen eigenen und fremden Erwartungen – der persönlichen und sozialen Identität – herstellt. Da Interaktionen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Wert- und Normvorstellungen stattfinden, müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Identitätsbildungsprozessen, so Krappmann, immer analysiert werden.

Mädchen erleben im kulturellen System der Zweigeschlechtlichkeit dualistisch und hierarchisch geprägte Geschlechterverhältnisse und machen die Erfahrung, dass weiblich konnotierte Eigenschaften und Tätigkeitsfelder sich nicht nur diametral von den männlich konnotierten unterscheiden, sondern auch als minderwertig gelten. Sowohl im Erwerbs- und Reproduktionsarbeitsbereich als auch im Bildungsbereich sind soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu beobachten, die aufgrund der herrschenden Gleichberechtigungsideologie nicht öffentlich thematisiert werden, was zu einer Verschleierung der bestehenden Geschlechterhierarchie beiträgt.

Mit der Adoleszenz wird der gesellschaftliche Anpassungsdruck in Bezug auf die Geschlechtsidentität der Mädchen erhöht, die Anerkennung von aussen gewinnt in dieser Lebensphase an Bedeutung. Indem sie den normativen Weiblichkeitsbildern entsprechen und eindeutig als dem weiblichen Geschlecht zugehörig betrachtet werden, erhalten sie Anerkennung aus ihrem sozialen Umfeld. Die Mädchen passen sich somit vermehrt den Erwartungen an ihre soziale Identität an und spalten dabei eigene, den normativen Weiblichkeitsbildern widersprechende Impulse ab. Dadurch gerät die Balance zwischen sozialer und persönlicher Identität ins Ungleichgewicht und die Bildung von ICH-Identität im Sinne Krappmanns wird gefährdet. Da Mädchen mit Erwartungen konfrontiert werden, die nicht nur ihrer subjektiven Realität widersprechen, sondern auch in sich widersprüchlich sind – und der Versuch ihnen gerecht zu werden zwingend mit diskrepanten Erfahrungen und Verlusten verbunden ist – können Mädchen als Expertinnen des Zwiespalts bezeichnet werden. Die Ausrichtung der weiblichen Identitätsentwicklung auf die Anerkennung von aussen hat zur Folge, dass viele Mädchen Widersprüche und Erfahrungen von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern – zugunsten der für sie wichtigen Anerkennung – verschweigen und dadurch zur Verfestigung des kulturellen Systems der Zweigeschlechtlichkeit beitragen. Dies wird insofern verstärkt, als dass die Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen unserer Gesellschaft dazu führen, dass Mädchen Ungleichheitserfahrungen als ihre individuellen Probleme wahrnehmen und lösen.

Um die weibliche Identitätsentwicklung in der Adoleszenz professionell zu unterstützen, bedarf es folglich nicht nur einer geschlechtsbewussten Sozialen Arbeit, die die speziellen Bedürfnisse und Problemlagen adoleszenter Mädchen wahrnimmt und diese in ihrer Entwicklung stärkt, sondern auch verschiedener struktureller Massnahmen in allen Gesellschaftsbereichen, die zur Gleichstellung zwischen den Geschlechtern beitragen.
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