«Was nützt uns das Recht, wenn es dem Menschen nicht gut geht?»

Zwischen Ermessen und Regelverstoss: Begründungslogiken abweichenden Handelns in der Sozialen Arbeit

Sozialarbeiter*innen in der Schweiz sehen sich infolge der Ökonomisierung des Sozialwesens und menschenrechtlich bedenklicher sozialpolitischer Entwicklungen zunehmend mit ethischen Konflikten konfrontiert. Bislang blieb unklar, wie abweichendes Handeln gegenüber rechtlichen oder institutionellen Vorgaben in der Praxis konkret ausgestaltet ist, welche Grenzen ihm gesetzt werden und auf welchen Grundlagen es beruht. Die qualitativ-explorative Masterarbeit untersucht daher, wie Sozialarbeiter*innen solches abweichendes Verhalten vor dem Hintergrund ihres professionellen Selbstverständnisses begründen und einordnen. Dies wird anhand von drei Unterfragen vertieft: zu den Legitimationsressourcen, zur Grenzziehung zwischen Ermessen und Regelverstoss sowie zum Einfluss von Moral Distress. Aufgrund des explorativen Charakters wurden keine Hypothesen formuliert. Die Datenerhebung erfolgte mittels neun leitfadengestützter Interviews, die durch Fallvignetten ergänzt wurden; ausgewertet wurden acht Interviews anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz. Die Ergebnisse zeigen, dass abweichendes Handeln als Ausdruck professioneller Verantwortung verstanden wird. Professionelle Referenzrahmen wirken dabei überwiegend im Hintergrund, während situative Begründungen im Vordergrund stehen. Eine gemeinsame Grenze zwischen Ermessen und Regelverstoss existiert nicht; Abweichungen bleiben individuell und verdeckt. Daraus ergibt sich, dass ethisch problematische Verhältnisse eher stabilisiert als verändert werden. Vor diesem Hintergrund sollten Praxis und Ausbildung ethische Konflikte offener thematisieren und den Widerstand verstärkt kollektiv organisieren.

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Anita Müller
«Was nützt uns das Recht, wenn es dem Menschen nicht gut geht?»
Zwischen Ermessen und Regelverstoss: Begründungslogiken abweichenden Handelns in der Sozialen Arbeit
Master-Thesis
04.08.2026