Die Erschöpfung in der Sozialen Arbeit
Versuch eines gesellschafts- und professionstheoretischen Verständnisses
Erschöpfung ist in der Sozialen Arbeit verbreitet. Untersuchungen zeigen, dass Fachpersonen der Sozialen Arbeit unter psychischen und emotionalen Belastungen leiden, die sich als Erschöpfung äussern. Erschöpfung beeinträchtig nicht nur das Wohlbefinden und die Gesundheit der Betroffenen, sie führt zu Krankheitsausfällen, häufigen Stellenwechseln und dazu, dass die Profession Soziale Arbeit qualifizierte und engagierte Fachpersonen verliert. Auch die Klientel ist betroffen, wenn sie in ihrer eigenen krisenbehafteten Situation auf Fachpersonen treffen, die an Erschöpfung leiden.
Die vorliegende Arbeit erweitert den Blick vom individuellen Leiden und dem Umgang damit auf gesellschaftliche, kulturelle und professionsimmanente Bedingungen und Entwicklungen, um das Phänomen der Erschöpfung in der Sozialen Arbeit anders zu verstehen und aus dieser Perspektive über Lösungsansätze nachzudenken. Konkret werden die Gesellschafstheorie von Hartmut Rosa, die Beschleunigung als treibende gesellschaftliche Kraft erkennt und zur Zeitdiagnose entwickelt, und die Professionstheorie von Fritz Schütze, die dem professionellen Handeln immanente Irritationen aufdeckt, herangezogen.
Es zeigt sich, dass die Erschöpfung von Fachpersonen der Sozialen Arbeit weder als ein Problem des individuellen Umgangs mit Belastungen noch als ein Problem der Arbeitsbedingungen hinreichend erfasst wird, sondern dass es kulturelle und strukturelle Faktoren sowie professionsimmanente Merkmale gibt, die Erschöpfung als für heutige gesellschaftliche Bedingungen charakteristische Form des Leidens verstehen lassen, die sich insbesondere in Arbeitsfeldern äussern, die mit Menschen arbeiten, deren Belastungen und Probleme gleichermassen Ausdruck solcher zeitdiagnosetypischen Herausforderungen der Lebensführung sind. Möglichkeiten des Umgangs mit erschöpfungstypischen Strukturen und Dynamiken werden skizziert wie Reflexionsinstrumente zur Entlastung im Arbeitsalltag, die Bearbeitung unangenehmer Emotionen, die Entwicklung einer Fehlerkultur, die professionsethische Orientierung und die Nutzung des Privaten als Raum, der die identifizierten Dynamiken brechen kann.