Eine gesellschafts- und bildungstheoretische Orientierung

Die Frage, woran sich eine legitimationsfähige Praxis orientieren kann, ist für die Soziale Arbeit von zentraler Bedeutung. In Anbetracht unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Aufträge, zeigt sich eine Antwort darauf für Sozialarbeiter*innen jedoch als herausfordernd. Inder Folge bleibt die Frage einer legitimationsfähigen Orientierung meist nur unzureichend beantwortet. Für die institutionalisierte Soziale Arbeit im öffentlichen Raum, welche von ihrem Auftraggeber*innen abhängig ist, besteht dadurch das Risiko einer Vereinnahmung der eigenen Praxis durch partikuläre Interessen. Wird jedoch einer sozialpädagogischen Legitimationslogik gefolgt, wird deutlich, dass eine legitimationsfähige Sozialen Arbeit nichtausschliesslich auf der faktischen Akzeptanz des ihr zugetragen Auftrags beruht. Vielmehr hat sie sich in ihrem Handeln an verallgemeinerbaren Interessen zu orientieren. Durch die Erhöhung der diskursiven Sättigung wird eine Verbesserung der Verständigung sowie eine Förderung von individuellen Bewusstseinsprozessen erreicht. Die substanzielle Legitimität, welche auf verallgemeinerungsfähige Interessen beruht, muss deshalb in der konkreten Situation hergestellt werden. Eine normative Basis dazu bildet die Orientierung an Mündigkeit und Zurechnungsfähigkeit. Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht, wie sich daraus eine Orientierung für die Praxis gewinnen lässt. Die Forschungsfrage «Wie lässt sich Soziale Arbeit im öffentlichen Raum legitimieren?» wird anhand einer Literaturrecherche beantwortet. Dafür wird die Ausgestaltung aktueller Handlungskonzepte und Arbeitsprinzipien Sozialer Arbeit im öffentlichen Raum untersucht. Ebenfalls wird die Bedeutung öffentlicher Räume für die Soziale Arbeit betrachtet. Diese werden anhand ausgewählter Aspekte der gesellschafts- und bildungstheoretischen Perspektive nach Martin Graf (1996; 2017) und Christian Vogel (2017) analysiert. Die Analyse hat ergeben, dass die aktuelle Ausgestaltung der Sozialen Arbeit im öffentlichen Raum an verschiedenen Stellen über Defizite bezüglich ihre Legitimationsfähigkeit aufweist. Grund dafür ist der ungenügende Einbezug von unterdrückten Erfahrungen im öffentlichen Raum. Folglich hat sich Soziale Arbeit im öffentlichen Raum insbesondere durcheine herrschaftskritische Perspektive auszuzeichnen, da sie die hegemonialen Ausprägungen des Öffentlichkeitsverständnisses erkennen und kritisch in Frage stellen muss. Öffentliche Räume selbst übernehmen dabei eine zentrale Funktion. Sie sind Orte der Austragung von acht und sozialer Anerkennung. Sie verfügen für die Soziale Arbeit dabei über das Potenzial, dass latente Erfahrungsgehalte durch Emergenzen sichtbar werden und diese in den öffentlichen Diskurs einfliessen. Dies stellt die Grundlage einer legitimationsfähigen Praxis dar, welche ihr Handeln an verallgemeinerbaren Interessen, anstatt einer Anpassung bestimmter Personengruppen und Verhaltensweisen an bestehende Herrschaftsverhältnisse ausrichtet.

 

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Anita Sempach, Mauro Ronchetti
Eine gesellschafts- und bildungstheoretische Orientierung
Bachelor-Thesis
71 Seiten
05.2021
10.26038/327988