Gefahren bei der Dossierübernahme

Eine empirische Studie


ISBN-Nr.:
978-3-03796-593-1
Produkttyp:
Elektronisches Buch
Kategorie:
Bachelor-Thesen (BSc)
Seitenzahl:
126
Erscheinungsjahr:
2016
Publikationsdatum:
21.09.2016
Verlag
Edition Soziothek
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Ausgezeichnet vom Verein Alumni BFH Soziale Arbeit

Eine der zentralen Aufgaben von Sozialarbeitenden ist es, Situationen zu beurteilen und Personen einzuschätzen, um daraus fachlich begründete Interventionen abzuleiten. Insbesondere bei der Übernahme von neuen Fällen muss sich die zuständige Fachperson innert kurzer Zeit eine Übersicht über die Lebenssituation ihrer Klientinnen und Klienten verschaffen und holt zu diesem Zweck Informationen ein. Diese Vorbereitung erfolgt in Form von Aktenstudium oder durch den Austausch mit anderen Fachpersonen. Damit einher geht bereits der Prozess der Urteilsbildung und Entscheidungsfindung. Den Prinzipien des Berufskodex folgend, beruft sich die Soziale Arbeit explizit auf professionelles Wissen und stützt ihre Handlungsentscheidungen auf ethische Grundlagen. Sozialarbeitende sollen demnach in ihrem Urteilen und Handeln objektiv und unvoreingenommen bleiben. Dies stellt, unter Berücksichtigung der zunehmenden Fallbelastung, hohe Anforderungen an die Fachpersonen. Sie befinden sich in einem Balanceakt zwischen akkurater Urteilsbildung und rascher Intervention. Aus der Forschung ist bekannt, dass es gerade unter Zeitdruck und bei Unsicherheit zu kognitiven Verzerrungen und Fehleinschätzungen während des Aktenstudiums kommen kann. Phänomene, vor welchen auch akademisch ausgebildete Menschen nicht geschützt sind. Die Forschungsfrage vorliegender Arbeit lautet daher: Inwiefern beeinflussen kognitive Verzerrungen die Personenwahrnehmung bei der Übernahme eines Dossiers und welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die Soziale Arbeit?

Die Fragestellung wird sowohl durch ausgewählte Theorien der Sozialpsychologie als auch empirisch geprüft. In einem Quasi-Experiment werden rund 50 Sozialarbeitende aus dem Berufsfeld der gesetzlichen Sozialen Arbeit zu ihrer Einschätzung eines fiktiven Falles befragt.

Die quantitativen und qualitativen Auswertungen bestätigen die Vermutung, dass es im Rahmen von Dossierübernahmen zu kognitiven Verzerrungen aufgrund von Vorinformationen kommen kann. Die untersuchten Effekte erweisen sich jedoch als weniger stark, als ursprünglich angenommen. So zeigen die Befragten in einigen Punkten ein Kategoriendenken oder nehmen aufgrund von Hinweisen eine bestimmte Erwartungshaltung zur Arbeitsbeziehung ein, was zu selbsterfüllten Prophezeiungen führt. Darüber hinaus zeigt sich bei der Urteilsbildung eine Tendenz zu heuristischen Antworten, wie etwa die Orientierung an bekannten Werten sowie eine Beeinflussung durch die eigenen Affekte. Für die Soziale Arbeit lässt sich schlussfolgern, dass die befragten Fachpersonen in ihrer Urteilsbildung zwar mehrheitlich unabhängig im Denken sind und professionell handeln aber, dass es dennoch einer beständigen Reflexion und präventiver Massnahmen bedarf, um Verzerrungen entgegenzuwirken.
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