Geschwisterkinder im Schulalltag
Der Auftrag der Schulsozialarbeit zur Bearbeitung psychosozialer Belastungen von Geschwisterkindern
Eine Behinderung oder chronische Erkrankung im Kindesalter ist immer auch eine familiale und damit geschwisterbezogene Erfahrung. Die Forschung zeichnet seit den 1980er Jahren ein doppeltes Bild: Belastungen wie reduzierte elterliche Aufmerksamkeit, Betreuungsaufgaben, Loyalitätskonflikte oder Scham stehen Empathie, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit gegenüber. Als niederschwelliges Unterstützungsangebot könnte die Schulsozialarbeit diese Kinder im Schulalltag frühzeitig erreichen. Ungeklärt blieb bislang, ob Geschwisterkinder in ihren professionellen Auftrag eingeschlossen sind und wie Fachpersonen ihre Zuständigkeit verstehen. Diese Lücke ist bedeutsam, weil das beeinträchtigte Wohlbefinden dieser Kinder den Kernauftrag der Sozialen Arbeit und den präventiven Anspruch des Berufskodexes berührt. Die vorliegende Arbeit untersucht mit drei leitfadengestützten Interviews an Primarschulen im Kanton Luzern, wie Schulsozialarbeitende ihren Auftrag gegenüber Geschwisterkindern fassen und umsetzen. Ein expliziter Auftrag fehlt; Geschwisterkinder werden implizit im allgemeinen Beratungsauftrag mitgedacht, der Zugang erfolgt überwiegend reaktiv und hängt von der Sensibilität der einzelnen Fachperson ab. Damit bleiben gerade jene Kinder leicht unsichtbar, die sich anpassen und zugleich einem erhöhten Belastungsrisiko ausgesetzt sind. Daraus entwickelt die Arbeit sechs Handlungsempfehlungen innerhalb des bestehenden Auftrags, von der Sensibilisierung über die proaktive Früherkennung bis zur Aufklärung über Behinderung und chronische Krankheit im Unterricht. Nötig ist kein neuer Auftrag, sondern die konsequente Erweiterung des vorhandenen fachlichen Blicks.