Handlungsfähigkeit ohne Individualisierung?
Eine reflexive Fallanalyse über Individualisierungsmechanismen in der psychosozialen Beratung mit Personen mit Fluchtbiografie
Eine Person, die Repression, Gefängnis und Folter überlebt und aus ihrem Herkunftsland geflohen ist, sitzt im Beratungsgespräch und sagt: «So ein Leben habe ich mir nicht gewünscht!» Die professionelle Dokumentation derselben Sitzung hält vier Interventionsziele fest: Selbstwirksamkeit stärken, Ressourcen nutzen, Vernetzung, Alltagsgestaltung. Was als politischer Protest formuliert wurde, wird nun als individueller Interventionsplan gerahmt.
Wenn strukturelle Gewalt als individuelles Trauma erscheint, verschwindet das System aus dem Blick – und mit ihm die Frage nach Verantwortung. Diese Arbeit untersucht, wie Individualisierungsmechanismen in der professionellen Dokumentation psychosozialer Beratung operieren, auch dort, wo Parteilichkeit als explizites Handlungsprinzip angestrebt wird. Strukturelle Gewalt, verstanden als Gewalt, die in Strukturen eingebettet ist und Personen daran hindert, ihre potenziellen Möglichkeiten zu verwirklichen, ohne dass ein direkter Täter identifizierbar ist, operiert im Schweizer Asylsystem als systematische Prekarisierung. In der professionellen Dokumentation der psychosozialen Beratung wird aus dieser Prekarisierung eine individuelle Problemlage: Sie erscheint als Defizit, als Resilienzaufgabe und als therapeutisches Ziel.
Die theoretische Rahmung dieser Arbeit Konzepte epistemischer Gewalt mit postkolonialer Traumakritik, Kritik der Individualisierung im Beratungssetting sowie Perspektiven auf Handlungsfähigkeit unter Bedingungen struktureller Gewalt. Als empirisches Material dienen eigene Gesprächsnotizen aus dem Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes. Mittels qualitativer Inhaltsanalyse, deduktiver Kategorienbildung und reflexiver Kreuzmatrixanalyse werden drei Fallvignetten erstellt und systematisch ausgewertet.
Die Analyse zeigt: Individualisierungsmechanismen bleiben auch bei parteilicher Haltung wirksam. Strukturelle Gewalt wird durch Kategorien wie Resilienz und Traumabewältigung implizit in individualisierte Problematiken überführt; epistemische Gewalt reproduziert sich nicht durch Abwertung, sondern durch die unhinterfragte Selbstverständlichkeit professioneller Deutungsrahmen. Die Arbeit schlussfolgert, dass eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit Dokumentationspraktiken einen zentralen Moment der professionellen Sozialarbeit darstellt. Die Befunde sind relevant für die Praxis der psychosozialen Beratung mit Personen mit Fluchtbiografie im Schweizer Kontext.