Professionelle Nähe und ihre Wirkung aus der Perspektive von Adressat:innen
Eine qualitative Forschungsarbeit zu Nähe in stationären pädagogischen Institutionen
«Professionalisierte Nähe und ihre Wirkung aus der Perspektive von Adressat:innen» von Simone Anna Bolok untersucht, wie professionell regulierte Nähe von Jugendlichen in stationären pädagogischen Einrichtungen wahrgenommen und bewertet wird und welche Bedürfnisse sich daraus ergeben. Schliesslich wird geprüft, ob die erkannten Bedürfnisse eine Anpassung der professionellen Orientierungsrahmen erfordern. Die qualitative Forschungsarbeit basiert auf Leitfadeninterviews mit sechs Jugendlichen im Alter von 12-16 Jahren. Die Auswertung erfolgte induktiv mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2019). Theoretische Grundlage bilden pädagogische Ethik, Professionalität, Bindungstheorie sowie Spannungsfelder von Nähe und Distanz. Die Ergebnisse zeigen, dass Professionalität unhinterfragt akzeptiert ist. Nähe wird geschätzt, wenn sie hintergründig in Form von Da-Sein oder Kümmern spürbar wird. Zudem entsteht sie über unbewusste relationale Prozesse und Sympathie. Distanz bildet eine schützende Grenze. Missachtungen oder stark kontrollierendes Verhalten werden als kontraproduktiv empfunden. Die Jugendlichen definieren Hilfe primär als Verfügbarkeit, Entlastung und Stabilisierung in akuten Momenten, weniger als langfristige Entwicklungsförderung. Die Arbeit schlussfolgert, dass Nähe selektiv entsteht und daher weder als pädagogisches Werkzeug instrumentalisiert werden sollte, noch kann. Die professionellen Orientierungsrahmen und Grenzen der Pädagogik bleiben tragfähig, jedoch zeigt sich, dass eine Reflexion des pädagogischen Fokus notwendig ist, um den tatsächlichen Bedürfnissen der Adressat: innen nach konkreter Entlastung und weniger nach Optimierung gerecht zu werden.