Verantwortung und Responsibilisierung in der Sozialhilfe

… und wie Verantwortlichkeit weitergedacht werden kann

Die vorliegende Bachelor-Thesis analysiert das Verständnis von Verantwortung im Kontext der Schweizer Sozialhilfe unter den Bedingungen einer neoliberalen Aktivierungspolitik. Den Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, dass Verantwortung unter dieser responsibilisierenden Politik zunehmend (und weitgehend sozialpolitisch unhinterfragt) dem Individuum zugemutet wird. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Sozialhilfeempfänger*innen, politischen Entscheidungsträger*innen und der Gesellschaft, in dem Autonomie, soziale Angewiesenheit, lebensweltliche Gestaltungsmöglichkeiten und Verwirklichungschancen unterschiedlich interpretiert werden. Dabei sind die Machtverhältnisse so strukturiert, dass politische Entscheidungen im Interesse privilegierter Gesellschaftsgruppen und zu Ungunsten unterstützungsbedürftiger Personen getroffen werden.

Ziel der Arbeit ist es zu klären, was Verantwortung unter der Responsibilisierung in der Sozialhilfe bedeutet und wie sie mittels alternativer ethischer Perspektiven weitergedacht werden kann.

Methodisch basiert die Thesis auf einer theoretisch-analytischen Literaturrecherche. In einem ersten Schritt wird der Verantwortungsbegriff theoretisch fassbar gemacht. Anschliessend wird dargestellt, wie sich neoliberale Aktivierungslogiken im System der Sozialhilfe – insbesondere über das Prinzip des Förderns und Forderns – manifestieren und welche Menschenbilder ihnen zugrunde liegen. Darauf aufbauend werden zwei ethische Modelle, der Capability Approach und die Care-Ethik, herangezogen, um ein erweitertes, nicht sanktionierendes, sondern ermöglichendes und machtkritisches Verständnis von Verantwortung in der Sozialhilfe zu entwickeln.

Die Analyse zeigt, dass Verantwortung in der Sozialhilfe aktuell primär individualisierend zugeschrieben wird, während weitaus prägendere strukturelle Bedingungen häufig unzureichend berücksichtigt werden. Eine mögliche Neuorientierung ergibt sich aus der Verbindung der beiden genannten ethischen Ansätze: Verantwortung wird dabei als kooperativer, prospektiver und beziehungsorientierter Prozess zweier aufeinander aufbauender Verantwortungsstrukturen verstanden. Im Sozialhilfekontext bedeutet dies, dass Verantwortung primär bei den kollektiven Verantwortungsträger*innen der Gesellschaft liegt, die die basalen Bedingungen für die Verantwortungsübernahme schaffen müssen. Erst dadurch wird es in der sekundären Verantwortungsstruktur möglich, dass Sozialhilfebezüger*innen individuelle Verantwortung übernehmen und ein selbstverantwortliches sowie menschenwürdiges Leben führen können

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Christoph Ritler, Deborah Spiller
Verantwortung und Responsibilisierung in der Sozialhilfe
… und wie Verantwortlichkeit weitergedacht werden kann
Bachelor-Thesis
100 Seiten
2025
10.26038/1945434