Vergessene Kinder der Sozialhilfe?

Handlungsspielräume von Fachpersonen

Die vorliegende Bachelorthesis untersucht die Situation von Kindern und Jugendlichen in Familien mit Sozialhilfebezug im Kanton Bern. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Hypothese, dass Kinder und Jugendliche im Berufsalltag von Fachpersonen oft vergessen werden und ihre Bedürfnisse daher unzureichend berücksichtigt werden. Dies, obwohl Kinder und Jugendliche etwa ein Drittel der Sozialhilfebeziehenden ausmachen. Armut beeinflusst die Entwicklungschancen sowie die soziale Teilhabe in vielfältiger Weise und kann sich negativ auf Bildung, Gesundheit und soziale Integration auswirken. Vor diesem Hintergrund geht die Arbeit der Frage nach, welche Möglichkeiten Fachpersonen auf Sozialdiensten haben, um die Entwicklung und soziale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen im Schulalter gezielt zu fördern.

Zur Beantwortung dieser Fragestellung wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt. Als Erhebungsmethode dienten Intervisionen mit Sozialarbeitenden aus drei unterschiedlichen Sozialdiensten. Die erhobenen Daten, die aus Diskussionstranskripten und Fotoprotokollen von schriftlichen Ideensammlungen bestehen, wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet.

Die Ergebnisse zeigen, dass Fachpersonen Kinder und Jugendliche im sozialhilferechtlichen Alltag häufig nur indirekt über ihre Eltern thematisieren und persönliche Gespräche mit ihnen selten stattfinden. Die Sozialarbeitenden betonen, dass die bestehenden strukturellen Rahmenbedingungen und die begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen die Handlungsoptionen stark begrenzen. Möglichkeiten zur Förderung der Entwicklung und sozialen Teilhabe von Kindern und Jugendlichen sehen Fachpersonen insbesondere in der gezielten Nutzung des Ermessensspielraums, einem guten Angebotswissen sowie einem geschärften Bewusstsein für ihre Bedürfnisse. Zudem zeigt sich, dass die Haltung und das Engagement der zuständigen Sozialarbeitenden einen entscheidenden Einfluss auf die Unterstützungsmöglichkeiten haben.

Die vorliegende Arbeit kommt zum Schluss, dass Fachpersonen Kinder und Jugendliche in der Sozialhilfe stärker als eigenständige Personen wahrnehmen und systematisch in die Fallführung einbeziehen sollten. Um ihre Entwicklungs- und Teilhabechancen nachhaltig zu verbessern, sind neben individuellen Handlungsmöglichkeiten der Fachpersonen auch strukturelle und politische Veränderungen erforderlich. Zu den relevanten Massnahmen zählen insbesondere die Anpassung institutioneller Rahmenbedingungen und die Verankerung kindzentrierter Leitlinien in der Praxis der Sozialhilfe.

Mehr Weniger
Andrina Hunziker, Cynthia Andrea Spicher, Janine Meyer
Vergessene Kinder der Sozialhilfe?
Handlungsspielräume von Fachpersonen
Bachelor-Thesis
102 Seiten
2026
10.26038/2171436