Armut im digitalen Diskurs
Mediale Inszenierung armutsbetroffener Menschen, YouTube-Kommentare und Implikationen für die Soziale Arbeit
Armutsbezogene Reality-TV-Formate und ihre digitale Anschlusskommunikation sind in der Sozialen Arbeit bisher wenig systematisch erforscht worden. Die vorliegende Masterarbeit geht der Frage nach, welche Bilder von Armut, Normvorstellungen und moralischen Bewertungen sich in YouTube-Kommentaren zur Sendung Armes Deutschland ? Stempeln oder abrackern? widerspiegeln und wie sie mit der medialen Inszenierung von Armut durch RTL II zusammenhängen. Untersucht wird auch, welche medienpädagogischen und handlungspraktischen Konsequenzen sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Die Datengrundlage bilden 250 YouTube-Kommentare und ausgewählte Videosequenzen der Sendung. Der Feldzugang erfolgte über YouTube. Die Videosequenzen wurden mithilfe der Visual-Verbal Video Analysis aufbereitet und die Daten mittels Grounded-Theory- Methodologie analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass Armut in den Kommentaren überwiegend individualisiert, moralisiert und stigmatisiert wird. Armut, Erwerbslosigkeit und Leistungsbezug werden häufig als Ausdruck persönlicher Defizite gedeutet, während strukturelle Ursachen in den Hintergrund treten. Armutsbetroffene Protagonist*innen werden als selbst verantwortlich für ihre prekäre Lebenslage dargestellt, abgewertet, teilweise entmenschlicht und in ihrer Reproduktion abgelehnt. In den Kommentaren werden Normvorstellungen von Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung, verantworteter Elternschaft, Anspruchslosigkeit gegenüber staatlicher Unterstützung und Dankbarkeit erkennbar. Aus den Ergebnissen ergeben sich Konsequenzen für die Soziale Arbeit. Armutsdiskurse im digitalen Raum sind als relevantes Handlungsfeld zu verstehen. Soziale Arbeit kann durch Sensibilisierungsarbeit, Medienbildung und die Förderung von Medienkompetenz dazu beitragen, stigmatisierende, moralisierende und entmenschlichende Armutsdarstellungen in Reality-TV und digitalen Kommentarbereichen kritisch zu reflektieren und vereinfachende Armutsbilder aufzubrechen. Digital Streetwork kann abwertende armutsbezogene Kommentare durch pädagogisches Monitoring erkennen und ihnen mit Counter Speech begegnen, um ihre Akzeptanz im digitalen Raum zu begrenzen und stille Mitlesende zu erreichen. Die Partizipation armutsbetroffener Menschen an öffentlichen und digitalen Diskursen sollte gestärkt werden, damit sie ihre Erfahrungen, Interessen und Forderungen selbstbestimmt vertreten können. Zukünftige Forschung sollte weitere Reality-TV-Formate, ihre Produktionsbedingungen und ihre Rezeption auf unterschiedlichen Plattformen sowie visuelle und audiovisuelle Formen digitaler Anschlusskommunikation einbeziehen. Auf diese Weise liesse sich untersuchen, ob und wie stigmatisierende, moralisierende und entmenschlichende Armutsbilder in unterschiedlichen medialen Kontexten hervorgebracht, verbreitet und begrifflich eingeordnet werden können.