Die Politik hinter dem Stellenschlüssel
Eine qualitative Untersuchung von Berufsbeistandschaften im Kanton Thurgau
In den Berufsbeistandschaften steigen die Fallzahlen seit Jahren kontinuierlich an. Eine Beistandschaft wird von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde bei Vorliegen einer Gefährdungslage errichtet, wobei gemäss Gesetz eine fachlich geeignete Person mit ausreichenden zeitlichen Ressourcen einzusetzen ist. Während die fachlichen Anforderungen klar umrissen sind, fehlen verbindliche Richtwerte zu notwendigen zeitlichen Ressourcen. Im Kanton Thurgau sind die Dienste auf kommunaler Ebene heterogen organisiert. Die Gemeinden tragen die Verantwortung, genügend Personal zur Erfüllung des gesetzlichen Schutzauftrages bereitzustellen. Unzureichende Ressourcen können zu Qualitätseinbussen, hoher Personalfluktuation und gesundheitlichen Belastungen führen, was die Betreuungskontinuität der Klientel beeinträchtigt und teilweise in der Auslagerung von Mandaten an private Anbieter mündete.
Die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz hat Empfehlungen zur Professionalisierung der Dienste mitunter zum Verhältnis von Fallzahlen pro 100% Stellenprozenten formuliert. Es bleibt unklar, in welchem Ausmass diese Empfehlungen in den Berufsbeistandschaften des Kantons Thurgau berücksichtigt werden und welchen Stellenwert sie in politischen Entscheidungsprozessen einnehmen. Vorliegend wird diese Forschungslücke aufgegriffen, indem untersucht wird, wie sich Entscheidungsprozesse rund um den Stellenschlüssel gestalten, welche förderlichen und hinderlichen Faktoren dabei wirken und wie die Soziale Arbeit politischen Einfluss ausüben kann. Ausgehend von einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Politikfeldanalyse werden die Perspektiven von drei Leitungspersonen und drei politischen Schlüsselpersonen bezogen auf drei sich kontrastierenden Berufsbeistandschaften erhoben. Die Ergebnisse beruhen auf sechs Experteninterviews1, welche mittels Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker ausgewertet und dreiteilig anhand von Fallvignetten, einer kontrastierenden Falldarstellung sowie einer kategorienbasierten Zusammenfassung präsentiert werden.
Die Analyse zeigt hoch heterogene, teilweise mehrinstanzliche Entscheidungsprozesse, die an der Schnittstelle von fachlicher Expertise, organisationaler Übersetzungsarbeit sowie partei- und finanzpolitischen Logiken verlaufen. Politische Einflussnahme der Sozialen Arbeit erweist sich als proaktiver und relationaler Prozess, der eine frühzeitige Sensibilisierung politischer Schlüsselpersonen, eine gezielte Nutzung formeller und informeller Kanäle sowie fachlich fundierte organisationsspezifische Aufbereitungen von Unterlagen erfordert. Damit soll das abstrakte Berufsfeld für politisch oft zeitlich begrenzt tätige Entscheidungsträger:innen greifbarer werden. Die Studie verdeutlicht, dass strukturelle Überlastung nicht individualisiert, sondern als politisch verhandelbares Problem adressiert werden muss und politische Einflussnahme somit ein integraler Bestandteil professioneller Sozialer Arbeit ist.